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Die Fachzeitschrift für alle Taijiquan- und Qigong-Praktizierenden

Duan-Prüfungen auf der Jiaozuo 6th International Exchange Competition
25./26. August 2011 in Jiaozuo, China


Die Chinesische Wushu Association (CWA) richtet alle zwei Jahre in Jiaozuo, Henan, ein mehrtägiges großes Taiji-Turnier aus, in dessen Rahmen außerdem Duanwei-Prüfungen abgehalten werden. Vorstand und Hauptjuror ist Herr Kang Gewu, der selbst einen neunten und damit höchsten Duan hält. Darüber hinaus gehören dem Gremium in wechselnder Zusammensetzung weitere hochrangige Taiji-MeisterInnen an. Alfie Schütz nahm 2011 an den Duanwei-Prüfungen teil und schildert ihre Eindrücke.

Duan-Prüfungen oder Dan-Prüfungen? Klar, aus dem Judo und aus anderem Kampfsport kannte ich das, aber dass es auch im Taiji Duan-Prüfungen gibt, war mir lange Zeit entgangen. Bis mir dann vor etwa zwei Jahren Großmeister Chen Xiaowang bei einem Seminar in Polen eine Einladung in die Hand drückte: zu einem Vorbereitungsseminar für Duanwei-Prüfungen, das im darauffolgenden Winter in Griechenland stattfinden sollte.

Mein Interesse war geweckt und so fasste ich recht schnell den Beschluss, auch selbst eine Prüfung zu machen - auch wenn das geplante Seminar dann doch nicht stattfand. Tatsächlich sollte es auch noch weitere zwei Jahre dauern, bis sich mir schließlich die Chance bot, meine Duan-Prüfung abzulegen.
In Jiaozuo, China, etwa eine Autostunde von Chenjiagou entfernt, findet alle zwei Jahre der wohl größte internationale Taiji-Wettbewerb statt und bei diesem Anlass werden auch Duan-Prüfungen für Taiji-Praktizierende aus aller Welt abgehalten. In diesem Jahr begann der Wettbewerb am 20. August und die Prüfungen fanden am 25. und 26. August statt. Da ich sowieso geplant hatte, im Sommer in Chenjiagou an Chen Bings Taiji Academy zu trainieren, lag es nahe, auch gleich meine Duan-Prüfung abzulegen.
In diesem Zusammenhang bin ich Chen Bing sehr dankbar, der in den Monaten vor der Prüfung geduldig meine Fragen beantwortete und mir alle nötige Informationen – Registrierungsformulare, Teilnahmevoraussetzungen, Reglement etc. - zukommen ließ. Leider waren einige dieser Dokumente in Chinesisch verfasst, so dass ich auf die Übersetzungshilfe einer befreundeten Chinesin angewiesen war. Mit ihrer Unterstützung waren dann aber schnell alle Unklarheiten beseitigt und es stellten sich folgende Kriterien heraus:

Die Anmeldung musste bis zum 15. Juli erfolgen, sowohl per E-Mail als auch schriftlich mit Foto beim Wettkampfbüro in Jiaozuo. Eingereicht werden musste das ausgefüllte Teilnahmeformular mit Informationen zur Person, Wushu- und Taiji-Erfahrung, dem angestrebten Duan sowie zwei Fotos. Ab dem vierten Duan war außerdem eine schriftliche Abhandlung von 2000 Worten über Theorie oder Geschichte des Taijiquan erforderlich.

Eine Registrierungsgebühr von 60 US$ sollte ebenso bis zum 15.7. eingezahlt werden. Allerdings zeigte sich der Veranstalter in diesem Punkt so kulant, auch verspätete Zahlungen vor Ort zuzulassen. Der Restbetrag von 160 US$ für den vierten Duan (je höher, je teurer, ein fünfter Duan zum Beispiel kostet 200 US$) sollte dann bei bestandener Prüfung vor Ort gezahlt werden.
Positiv beeindruckt war ich, als mein Telefon klingelte und sich eine Chinesin in ausgezeichnetem Deutsch als Beauftragte des Wettkampfbüros vorstellte: Ich hatte vergessen anzugeben, welche Faust- und Waffenformen ich in meiner Prüfung zeigen wollte, der Einfachheit halber wolle sie das nun gleich telefonisch klären.

In Chen Bings Schule bereitete ich mich dann mit Hilfe von Chen Hui Wu intensiv auf die Prüfungen vor und machte mich zusammen mit Eugenio, einem Tudi Chen Bings, am Morgen des 25. August zuversichtlich um kurz vor sechs Uhr mit dem Taxi auf den Weg nach Jiaozuo. Pünktlich kurz vor sieben setzte uns das Taxi dann am Westtor des Veranstaltungsgeländes ab: ein großes, eingezäuntes Areal voller Hallen, Parks, Sportanlagen, mit Kiosks und sogar einem Hotel ... Wir hatten keine Ahnung, wohin wir gehen sollten. Also setzten wir uns einfach in Bewegung und hatten tatsächlich das Glück, schon nach wenigen Minuten vor der richtigen Veranstaltungshalle zu stehen.

Diese war allerdings noch geschlossen, dafür tummelte sich davor bereits ein buntes Völkchen internationaler Duan-Anwärter verschiedener Stile, Niveaus und Nationen. Aufregung und freudige Erwartung lagen in der Luft, die allerdings eher an einen Wushu-Wettbewerb erinnerten – man musste aufpassen, sich von der Aufregung und Hektik nicht mitreißen zu lassen.
In der kommenden Stunde versuchten wir also, uns so gut wie möglich an die Umgebung zu gewöhnen, aufzuwärmen und einigermaßen ruhig zu bleiben. Als wir die Halle schließlich betreten durften, nutzten wir die verbleibenden Minuten, um uns mit dem dicken Wettkampfteppich vertraut zu machen, auf dem die Prüfungen stattfanden - eine wenig drehfreudige Angelegenheit, man muss schon aufpassen, dass man seine Füße auf Anhieb richtig setzt.

Während der Vorbereitungszeit wurden Tische gerückt, ein PC vorbereitet und jeder Teilnehmer bekam einen persönlichen Übersetzer oder eine Übersetzerin: Sprachstudenten aus Jiaozuo waren als Volontäre angetreten, um uns zu unterstützen. Eine wirklich gute Idee des Veranstalters! Das Jurorengremium umfasste sieben bis acht Personen, wie üblich unter dem Vorsitz von Herrn Kang Gewu. Auch Chen Zhenglei war Mitglied der Jury - was mich freute, denn ich kannte ihn bis dahin nur aus seinen Videos.
Endlich nahmen wir auf den Zuschauerrängen Platz und hörten zunächst einen langen Vortrag über die Geschichte und Entwicklung des chinesischen Duanwei-Systems, das seit Ende der 90er Jahre besteht. Man informierte uns über die laufende Umstellung des alten Systems in ein neues, standardisierteres mit genau festgelegten Aufgaben und Formen für jeden Duan. An sich interessante Informationen, das lange Warten diente jedoch auch dazu, uns unter einen gewissen Druck zu setzen und somit gleich beobachten zu können, wie gefestigt sich die einzelnen Prüflinge unter Stress verhielten.

Außerdem wurde erwähnt, dass es sich ab dem vierten Duan um die Lehrer-Duans handelt, mit denen man auch eine Schule betreiben kann, und dass hierfür ein Mindestalter von 35 Jahren und eine entsprechende langjährige Erfahrung in den Kampfkünsten dringend anzuraten seien. Ob vielleicht einige der Prüflinge lieber ihre Bewerbung zurücknehmen und sich für einen niedrigeren Duan bewerben wollten?
Nein, das wollte kaum einer. Warum auch, einen niedrigeren Duan als angestrebt würde man ja sowieso bekommen und man konnte sich dann auch in Ruhe überlegen, ob man diesen annehmen und bezahlen wollte oder ob man darauf verzichtete, um die Prüfung bei nächster Gelegenheit zu wiederholen. Immerhin, die Wartezeit zwischen einem angenommenen Duan bis zur Möglichkeit, den nächst höheren Duan zu bekommen, beträgt mindestens zwei Jahre!

Dann begann endlich der praktische Teil: Wir waren etwa 40 Prüflinge aus verschiedenen Ländern – unter anderem aus Italien, Spanien, Großbritannien, Hongkong, Malaysien, Macao, Pakistan, Deutschland – und wurden zunächst in zwei Gruppen geteilt: Wir sollten uns auf dem Prüfungsteppich unter den Augen der herumlaufenden Juroren aufwärmen und mit unserem üblichen Training beginnen. Außerdem sollten wir versuchen, die Aufmerksamkeit der Juroren auf uns zu lenken, so dass diese sich schon ein erstes Bild von uns und unseren Fähigkeiten machen konnten.

Bei den Prüfungen zur Handform waren es immer vier Prüflinge gleichzeitig, die ihre Form vorführten, bei Waffenformen nur drei.

Was für eine Erfahrung! Es war ziemlich voll und leicht chaotisch - gar nicht so einfach, in so einem Getümmel Ruhe und Gelassenheit zu bewahren, um eine hohe Bewegungsqualität zu demonstrieren ... Als nächstes wurden wir in Achtergruppen auf die Wettkampffläche gestellt, die Juroren nahmen an den Tischen Platz und wir bekamen die Aufgabe, eine Form zu laufen – aber nicht unsere Prüfungsform.
Endlich - als wir auch diese Etappenprüfung und eine nervöse Mittagspause überstanden hatten - begann am Nachmittag die Überprüfung der von uns eigentlich vorbereiteten Formen: In Vierergruppen traten wir auf dem Teppich an, bekamen vorher noch einmal gezeigt, wie wir richtig grüßen sollten, und hatten dann rund fünf Minuten Zeit, einen hoffentlich ausreichenden Teil unserer vorbereiteten Faustform zu zeigen. Da viele Teilnehmer angesichts des Zeitlimits ihre Formen etwas hastig präsentierten, war es gar nicht so einfach, die Ruhe zu bewahren.

Anschließend banges Warten und Zusehen, was die anderen zeigten ... Die Darbietungen waren durchwachsen: Zum Teil sah man sehr schönes Taiji, zum Teil war es aber auch extrem athletisch und Wushu-orientiert - tief, schnell, kraftvoll, aber ohne wirkliches Lösen, Sinken oder klaren Bewegungsfluss. Interessant waren natürlich einige Teilnehmer, die für den sechsten, siebten und achten Duan angetreten waren: Wir sahen unter anderem eine sehr ästhetische Form aus dem Schlangen-Stil. Aus dem Chen Taiji war Wang Haijun (Tudi von Chen Zhenglei aus Großbritannien) auf dem Weg zu seinem siebten Duan.
Nach den Faustformen teilte man uns mit, dass wir nun unsere Waffen auspacken und uns damit in großen Gruppen auf dem Teppich vorbereiten sollten. Also liefen wir wieder unsere Formen unter den Argusaugen der Juroren, von Zeit zu Zeit über Lautsprecher ermahnt, darauf zu achten, mit dem Schwert keinen anderen Teilnehmer zu verletzen ... Anschließend wärmten sich einige wenige Teilnehmer für ihre Stockformen auf und Wang Haijun wurde mit einer Hellebarde gesehen.
Die Waffenprüfung folgte dann ziemlich schnell, diesmal in Dreiergruppen. Als auch diese Prüfung überstanden war, teilte man uns mit, dass wir uns am nächsten Morgen wieder in der Halle einfinden sollten, um unsere Ergebnisse zu erfahren.

Unsere Nervosität war am nächsten Morgen noch gestiegen: Eugenio hatte inzwischen gehört, dass ein italienischer Meister, der eine Goldmedaille in den Wettkämpfen gewonnen hatte und sich für den fünften Duan beworben hatte, nur den vierten Duan bekommen hatte - erfahren hatte er das nur, weil er durch seine frühzeitige Heimreise eher um sein Ergebnis gebeten hatte. Wenn schon dieser bekannte italienische Meister auf den vierten Duan herabgestuft worden war, wie sollte es dann uns ergehen? Und: Sollten wir einen eventuellen niedrigeren Duan annehmen?

Für die Prüflinge gab es Hinweise, was richtiges Taijiquan auszeichnet. Hier erklärt der Vorsitzende der Prüfungskommission, Herr Kang Gewu, die Peitsche.

Endlich angekommen, musste zunächst einmal die noch offene Registrierungsgebühr von 60 US$ gezahlt werden. Danach hielten uns die verbliebenen drei Juroren erst einmal einen langen Vortrag darüber, was richtiges Taiji sei und was nicht. Man erklärte uns ausführlich, wie richtiges Lösen und Sinken aussehen soll, wie man das Gewicht richtig verlagert, wie die Kraftübertragung vom Boden durch Bein und Rumpf in Arm und Faust funktioniert und so weiter. Einzelne Teilnehmer wurden für ihre guten Qualitäten gelobt, andere getadelt, weil sie mit schnellen, tiefen Formen zwar athletische Höchstleistungen, aber leider kein korrektes Taiji gezeigt hatten. Manche Teilnehmer hatten auch in einer der Disziplinen, Faust- oder Waffenform, brilliert, dafür aber in der anderen Disziplin zu schwache Leistungen gezeigt ...

Um sicherzugehen, dass wir wirklich verstanden, was gemeint war, demonstrierten dann die Jurymitglieder selbst noch einmal, wie einzelne Bewegungen richtig ausgeführt werden, und Wang Haijun wurde nach vorne gerufen, um Fajin und Kraftübertragung vorzuführen. Anschließend empfahl man uns das neu herausgegebene Buch, in welchem - vorerst nur auf Chinesisch - das neue System der Duan-Prüfungen mitsamt allen Anforderungen erklärt und in zwei DVDs anschaulich dargestellt ist.

Dann, endlich, wurden die einzelnen Duans und die Teilnehmer, die den jeweiligen Duan bestanden hatten, aufgerufen: zunächst die ersten Duans, dann die zweiten, danach waren die dritten Duans an der Reihe - und es hörte nicht auf! Viele, viele Teilnehmer, selbst einige, die sich für einen fünften oder sechsten Duan beworben hatten, bekamen nur den dritten ... Eugenio und ich verkrochen uns in unseren Sitzen, beinahe überzeugt, dass wir nun auch jeden Moment unsere Namen hören würden ... aber dann - große Freude - wurde der erste Inhaber des vierten Duans aufgerufen, und dann der zweite und dann waren auch Eugenio und ich an der Reihe, wir hatten bestanden!

So sieht das Zertifikat dann aus.

Danach ging alles sehr schnell: erleichtert, glücklich und fast wie in Trance reihten wir uns ein in die Empfänger der Urkunden und Embleme, bezahlten unsere ausstehende Prüfungsgebühr und erhielten unsere Graduierungen. Anschließend wurden Erinnerungsfotos gemacht, alleine, in Gruppe und mit Herrn Kang, aufgeregt Neuigkeiten ausgetauscht, mitleidig auf diejenigen geschaut, die es diesmal nicht geschafft hatten, und ehe man das alles überhaupt richtig begriffen hatte, war die Veranstaltung auch schon beendet, die Urkunden eingepackt und wir saßen wieder im Taxi, in einer abenteuerlichen Heimfahrt zurück nach Chenjiagou.


Alfie Schütz unterrichtet Chen-Stil Taijiquan und Qigong in Berlin Wilmersdorf.